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Von Florida nach Auschwitz - oder: Heimatlos auf hoher See (Gustav Schröder 1949, Kapitel 3-4)

Die St. Louis auf dem Atlantik mit über 900 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland, die niemand aufnehmen will.

Die St. Louis auf dem Atlantik mit über 900 jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland, die niemand aufnehmen will.

Das Landungsverbot
Als wir das Schiff verabredungsgemäß vor vier Uhr morgens an der Pier von Havanna festgemacht hatten und sofort mit der Ausschiffung begannen, um irgendwelchen Verboten zuvorzukommen, erschienen - wir trauten unseren Augen nicht - bewaffnete Männer in Uniform, zwangen die schon an Land befindlichen an Bord zurückzugehen und besetzten die Gangway. Es fehlte nicht viel daran, dass die Emigranten eine gewaltsame Landung unternommen hätten. Ihre Aufregung war sicher allzu begreiflich, denn hier handelte es sich ja schließlich um einen Staat, der sicher die deutsche Judengesetzgebung nicht billigte und der den Emigranten gegen Bezahlung einen vorübergehenden Aufenthalt in seiner Hauptstadt gestattet hatte. Nun wollte also dieser Staat nach Einstreichung der Gelder die Aufnahme der Einwanderer in dem Augenblick verweigern, in dem die Landung stattfinden sollte? - Was ich daraufhin alles unternahm an Schreibereien, Bittgängen und telegraphischen Hilferufen, weiß ich nicht mehr. Der Erfolgs war jedenfalls gleich null.
 
Kuba bleibt unerbittlich
Während der fünftägigen Liegezeit in Havanna durften keine Passagiere an Land. Und ihre zahlreich zur Begrüßung in der Hauptstadt eingetroffenen Verwandten durften nicht an Bord. Lediglich der Sohn des auf See verstorbenen Herrn Weiler erhielt durch meine Fürsprache und Garantie die Erlaubnis, seine Mutter zu besuchen. Aber nicht eine der vielen Bittschriften konnten die Regierung veranlassen, die Landung zu gestatten. Kein Komitee, kein einflussreicher Amerikaner, niemand vermochte sie umzustimmen. Kuba blieb unerbittlich. Den Grund habe ich nie erfahren. Ich nahm einen Rechtsbeistand und verklagte die Regierung. Dem Rechtsanwalt sagte ich: meiner Meinung nach wäre das Verhalten der Regierung vergleichbar dem eines Mannes, der einen Gast zum Essen einlädt und ihn bei seiner Ankunft erst auf dem Vorplatz warten und dann hinauswerfen lässt. Ich antichambrierte im Palast und im Regierungsgebäude, bat um eine Audienz, wurde jedoch nicht vorgelassen, ebensowenig wie Herr Clasing, der dortige Agent der Hamburg-Amerika Linie. Ein Vertreter des “Joint Committee” versicherte den Enttäuschten nunmehr, dass trotz dieser Schwierigkeiten alles Menschenmögliche getan werden würde, um ihre Rückkehr nach Deutschland zu verhindern. Dieser Ausspruch “Rückkehr nach Deutschland” hätte nicht fallen dürfen. Das war ein psychologischer Fehler! Ein Jurist, Dr. Max Loewe, schnitt sich die Pulsadern durch und ließ sich über Bord fallen, merkwürdigerweise an der gleichen Stelle, an der schon eine Bestattung und ein Selbstmord stattgefunden hatten. Aber zwei meiner wackeren Matrosen sprangen sofort nach und brachten den für seinen Tod kämpfenden so schnell wieder an Bord, dass Dr. Glauner ihn noch retten konnte. Sein Zustand und der Verdacht, er sei geisteskrank, erregten Mitleid. Man ließ ihn an Land und in ein Hospital überführen. Aber ich konnte nicht durchsetzen, dass Frau und Kinder Dr. Loewe begleiteten. Die kubanische Einwanderungsbehörde blieb hartherzig, was ich ihr sehr deutlich zu verstehen gab bei der Übergabe eines erneuten Gesuches mit dem Vorschlag, die Emigranten in einer kleinen Stadt oder auf einer kleinen Insel unterzubringen.
Als Antwort kam ein Ultimatum. Ich hätte den Hafen sofort zu verlassen, widrigenfalls man das Schiff mit Gewalt hinausbringen würde. Noch einmal fuhr ich an Land und setzte mit Hilfe des dort amtierenden deutschen Diplomaten eine Verschiebung der Abfahrt auf den nächsten Tag durch, um Wasser und Proviant übernehmen zu können. 
An Bord ließ ich folgende Bekanntmachung anschlagen:
“Die kubanische Regierung zwingt uns, den Hafen morgen zu verlassen. Mit der Abfahrt, die auf 10 Uhr festgesetzt ist, sind die Verhandlungen keinesweg abgebrochen; sie ist die Vorbedingung für das Eingreifen des Komitees. Die Schiffsleitung bleibt in Verbindung mit sämtlichen Organisationen und amtlichen Stellen und sucht mit allen Mitteln eine Landung zu erreichen. Wir werden in der Nähe der amerikanischen Küste bleiben.”
Ein weiterer Anschlag lautete:
“Die Schiffsleitung hat die nachstehend benannten Herren gebeten, die Interessen der Passagiere wahrzunehmen: Dr. Weiß, H. Manasse, Rechtsanwalt Dr. Joseph, Rechtsanwalt Dr. Zellner, Rechtsanwalt Dr. Hausdorff. Diese Herren werden durch die Schiffsleitung von allen Maßnahmen laufend unterrichtet. Die Passagiere werden gebeten, sich nur auf Mitteilungen zu verlassen, die von der Schiffsleitung durch das bestehende Komitee bekannt gegeben werden.”
Und an meine Ressortchefs erging folgendes Schreiben:
“Die ungeklärte Lage, in der sich unsere Passagiere befinden, bringt es mit sich, dass die Stimmung sehr gespannt ist. Es muss alles getan werden, sie zu beruhigen. Bisher ist es unserem Personal gelungen, die gute Form den Passagieren gegenüber zu wahren. Achten sie bitte ständig darauf, dass alle Besatzungsmitglieder den Passagieren in ruhiger höflicher Form begegnen. Auf Fragen nach dem nächsten Hafen ist stets mit einem Hinweis auf die ausgehängten Bekanntmachungen zu antworten. - Jedes Besatzungsmitglied muss über diese Instruktionen informiert werden.”
Alle drei ausgeführten Schriftstücke sind etwas gekürzt wiedergegeben.