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Von Florida nach Auschwitz - oder: Heimatlos auf hoher See (Gustav Schröder 1949, Kapitel 1-2)

Worum es sich handelt
Die “St. Louis” der Hamburg-Amerika Linie sollte fahrplanmäßig im Juni 1939 von New York aus Vergnügungsreisen durchführen. Vorher jedoch, im Mai, wurde sie für die Beförderung von neunhundert Emigranten nach Havanna angesetzt. Diese Reise gestaltete sich infolge eines Landungsverbotes der kubanischem Regierung zu einem aufsehenerregenden Erlebnis für das ganze Schiff und wurde von der Weltpresse mit weit größerer Teilnahme verfolgt als frühere kleinere Unternehmungen dieser Art.
Das dramatische Schauspiel des Holländers Jan de Hartog “Schipper naast God”, das Rolf Italiaander unter dem Titel “Schiff ohne Hafen” ausgezeichnet übersetzt und für die deutsche Bühne bearbeitet hat, rief mir jene durch den großen Krieg schon in Vergessenheit geratenen Ereignisse wieder in die Erinnerung zurück. Ich weiß nicht, welche Begebenheit den Dichter zu diesem Drama angeregt hat, dessen Schauplatz ein kleiner holländischer Dampfer mit einhundertsechsundvierzig Emigranten ist. Der für diese Menschen verantwortliche Kapitän stellt nach mehreren gescheiterten Landungversuchen fest, dass kein Land seine unglücklichen Passagiere aufnehmen will und versenkt sein Schiff in der Nähe der nordamerikanischen Flotte, um die Kriegsschiffe zu zwingen, die Heimatlosen als Schiffbrüchige zu retten und an Land zu bringen. Das Schauspiel gibt die verzweiflungsvolle Stimmung der Emigranten, die Schwierigkeiten und Sorgen der Schiffsleitung, wie auch ich sie durchgekostet habe, ausgezeichnet wieder und wirkt trotz sparsamster Mittel hochdramatisch und erschütternd.
Ich will mit dem folgenden Tatsachenbericht keineswegs mit der künstlerischen Leistung des Dichters wetteifern, sondern es soll rein sachlich und chronologisch festgehalten werden, was ich als Kapitän der “St. Louis” mit den neunhundert Emigranten erlebte. Ich lege Wert darauf, dass bekannt wird, dass das holländische Schauspiel keine Darstellung der Reise der “St. Louis” ist, wie viele infolge von Zeitungsnotizen, die sich widersprachen, glauben. Die in diesem Drama auftretende Besatzung lässt sich zu tätlichen Übergriffen auf die Passagiere hinreißen, was auf der “St. Louis” nicht vorgekommen ist, so dass ihnen an Bord kein Haar gekrümmt wurde. Die Auslandspresse gab es zu.
Fahrt über den Ozean
Schon bei der Abfahrt der “St. Louis” von Hamburg sprach es sich herum, dass die Landung in Havanna vielleicht Schwierigkeiten machen würde, obgleich jeder Passagier eine von einer kubanischen Einwanderungsbehörde unterzeichnete Einreise-Erlaubnis besaß, für die er bezahlt hatte. Man munkelte von innenpolitischen Störungen und Veränderungen, durch die eine Landung verhindert werden könnte. Unter den Fahrgästen herrschte also von vornherein eine etwas nervöse Stimmung. Trotzdem waren anscheinend alle davon überzeugt, dass sie Deutschland nie wieder sehen würden. Rührende Abschiedsszenen spielten sich ab. Manchem sah man eine freudige Erleichterung an, andere verließen ihre alte Heimat schweren Herzens.
Schönes Wetter, reine Seeluft, gutes Essen, aufmerksame Bedienung erzeugten aber doch bald die auf langen Seereisen übliche sorglose Stimmung. Selbst kummervolle Eindrücke des Lebens an Land verblassen schnell auf See und werden zu Träumen. Ein gastliches Schiff mitten auf dem weiten Ozean und noch dazu in einer Gegend, in der ruhiges ausgeglichenes Wetter herrscht, ist eine andere Welt. So war es auch hier. Zuversicht und Hoffnung blühten und niemand regte sich auf.
Als wir uns dem Ziele näherten, warf die große Stadt, der wir zustrebten, schon einige Schatten zu uns herüber. In Telegrammen tauchten Andeutungen über Landungschwierigkeiten auf. Hinzu kam, dass ein alter Lehrer, Moritz Weiler mit Namen, erkrankte und apathisch wurde. Es brach ihm das Herz, dass er auf seine alten Tage von dort fortmusste, wo er sein Leben lang mit den Kollegen in bestem Einvernehmen gearbeitet hatte. Der Schiffsarzt, Dr. Glauner, führte mich zu dem Kranken. Da spürte man keinen Lebensmut mehr. Moritz Weilers letzter Wunsch war, auf hoher See zu sterben. Er verschied noch am gleichen Tage. Gemeinsam mit der Witwe sandte ich ein Telegramm an den in New York lebenden Sohn, damit er nach Havanna käme, um der Mutter beizustehen.
Die Fahrgäste befürchteten, dass eine an Bord befindliche Leiche die Landungsschwierigkeiten verschärfen könnte. So wurde der Verstorbene im Einverständnis mit der Witwe nachts in aller Stille versenkt. Leider blieb es nicht bei diesem einen Toten, denn kaum war die Bestattung beendet, kaum liefen die Motoren wieder, als ein junger Balte, der mit seinem Bruder zusammen in der Küche arbeitete, an derselben Stelle über Bord sprang, an der der Sarg an der Reling gestanden hatte. Ich drehte das Schiff sofort um, ließ ein Boot aussetzen, das ganze Gebiet mit Scheinwerfern ableuchten, - vergebens. Unser Boot fand nur die mit einem Wasserlicht versehene Rettungsboje wieder. Den Bruder musste man festhalten und einschließen, da auch er seinem Leben ein Ende machen wollte.
Fortsetzung folgt.