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Von Florida nach Auschwitz - oder: Heimatlos auf hoher See (Gustav Schröder 1949, Kapitel 5-6)

Wohin?

Und dann gingen wir in See. Zahlreiche Barkassen gaben uns das Geleit unter den ständigen Zurufen der Verwandten: “Verliert nicht den Mut!” - Aber viele verloren ihn doch. Ich selbst war auch deprimiert. Eine so melancholische Abfahrtstimmung hatte ich noch nie erlebt. Besonders unruhig waren die Frauen, weil eine Zielangabe fehlte. “Kapitän, wohin fahren Sie uns?” Und zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich diese Frage nicht beantworten. Aber in enger Zusammenarbeit mit dem Bord-Komitee unterließ ich nichts, um den unglücklichen Menschen eine Heimat zu verschaffen, hatte ich doch von der Hamburg-Amerika Linie den Auftrag, für die Fahrgäste alles zu tun, was in meiner Macht lag.

Ich kam sogar auf den Gedanken, eine illegale Landung an der Floridaküste zu versuchen. Klar zum Aussteigen waren die Passagiere jederzeit, dafür hatte ich durch entsprechende Rücksprache mit dem Bord-Komitee gesorgt. Und so ging es eines schönen Morgens in einen der kleinen Häfen hinein, um vorzufühlen, ob man schon mit einer solchen Möglichkeit rechnete und Gegenmaßnahmen traf. Aber wahrscheinlich war bereits einmal von einem anderen kleinen Emigrantenschiff etwas Derartiges unternommen worden, denn schon beim Einlaufen bemerkte ich, dass wir beobachtet wurden. Als der Ankerplatz erreicht war, kamen Küstenwachboote und Flugzeuge heran, um die Landung zu verhindern. Also manövrierte ich das Schiff aus dem Hafen heraus und fuhr weiter, ganz dicht unter Land, wieder südwestwärts in Richtung Havanna zur Beruhigung der Passagiere und auch, um sie etwas abzulenken.

Mittags, während im Speisesaal gegessen wurde, drehte ich von der Küste ab, bis das Land außer Sicht war und änderte den Kurs langsam auf Nordnordost, als die Sonne im Zenit stand; so konnte niemand etwas davon merken, dass wir uns wieder von Havanna entfernten, von wo uns noch immer Hoffnung auf eine Landung gemacht wurde. Aber ich selbst glaubte nicht mehr daran und versuchte uns unauffällig immer etwas weiter nach Norden zu mogeln, da sich in New York eine Chance aufzutun schien. Am Spätnachmittag allerdings , als die sinkende Sonne keinen Zweifel mehr ließ über unseren nördlichen Kurs, beunruhigten sich die Gemüter von neuem.

In diesen Tagen der Ungewissheit habe ich unter anderem ein von Herrn Manasse verfasstes Telegramm an die USA-Presse gestattet, das die Stimmung an Bord ungeschminkt zum Ausdruck brachte. Der Widerhall war eine Flut von Funksprüchen aus Havanna, New York, Hamburg und Gott weiß woher, die teils zum Warten, teils zum Umkehren aufforderten. Andere sprachen Mut zu und deuteten an, dass unentwegt an einer Lösung gearbeitet werde. Wir an Bord konnten lediglich ergebungsvoll unsere Köpfe schütteln und uns fragen, was wohl daran so viel zu arbeiten sei. Das ganze Problem konnte doch mit einem Federstrich gelöst werden. Eines der Telegramme verkündete eine behördlich genehmigte Landung auf der kubanischen Insel Pinosa. Die Unterschrift lautete: “Centro Israelita”. Wir stoppten und forderten offizielle Bestätigung. Zögernd kam die Nachricht, dass die Entscheidung noch nicht gefallen sei. Es wurde nichts daraus. - Ein langes Telegramm von dem Kanzler einer großen Loge forderte mich auf, nach New York zu kommen und auf der Reede zu ankern. Er werde mit einer Gruppe einflussreicher Amerikaner jede Summe, die nötig sei, bereithalten. Ein Appell an den amerikanischen Kongress sei beabsichtigt, um ein “zeitliches Asyl” für die “St. Louis”-Passagiere zu erbitten. Ich antwortete, er möge die benötigte Summe bei Hapag in New York deponieren. Auch hieraus wurde nichts.

Zurück?

Als die Aussichtslosigkeit einer Landung in Amerika immer klarer zu tage trat, blieb uns nichts anderes übrig, als eine beschleunigte Rückreise anzutreten. Die Bestände an Öl, Wasser und Proviant erlaubten uns kein weiteres Spazierenfahren. Bald kam auch von Hamburg aus die entsprechende Order. Bestimmungsort: Cuxhaven, was ich aber geheim hielt, da ich fest entschlossen war, dorthin nicht zurückzukehren. Eine Fahrt durch die Nordsee erschien mir im Hinblick auf die zur Verzweiflung neigende seelische Verfassung meiner Passagiere sehr gefährlich, wenn nicht undurchführbar. Mit Hilfe des Golfstromes und der dunklen Nächte hatte ich das Schiff schon bis zum Ausgang der Florida-Straße manövriert und beschloss nun zunächst, bis zu einem Punkt zu fahren, der gleich weit entfernt liegt von New York, Havanna und Haiti, um im Falle eines noch eintreffenden günstigen Bescheides nach einem dieser Orte möglichst schnell zurückkehren zu können. Der Punkt liegt in der Gegend von Bermuda. Gleichzeitig konzentrierte ich mein ganzes Denken auf eine Landung in England. ich entsinne mich auch, dass ich in jenen Tagen mit Bankier Warburg, New York, einen Telegrammwechsel hatte, ohne etwas Positives erfahren zu können.

Am 7. Juni lief folgendes Telegramm ein:

“Da die Landung in Kuba noch nicht entschieden ist, bemühen wir uns wieder um St. Domingo, wo Landung möglich, wenn das Geld zur Verfügung steht, das zur Einwanderung nötig ist.”

Auch dieser Plan schlug fehl, und allmählich wusste man nicht mehr, ob überhaupt noch eine Nachricht ernst zu nehmen sei.