Pilze sammeln und Schafehüten. Bewusstseinserweiterung auf vier Beinen?
Herbst in der Lüneburger Heide. 800 Schafe ziehen friedlich durch die Landschaft. Alle in dieselbe Richtung. Wie AnzugträgerInnen auf dem Weg durch die City ins Hamsterrad.
Plötzlich steuert eines schnurstracks auf einen Fliegenpilz zu, frisst ihn und läuft weiter. Kein Zögern, kein schlechtes Gewissen, kein Blick über die Schulter.
Eine Mitarbeiterin, die sich auf dem Weg ins Office noch schnell einen Trip gönnt.
Originalaufnahme aus der Lüneburger Heide | Auf YouTube ansehen
Bio. Regional. Saisonal.
Ich nenne das Schaf Sieglinde.
Sieglinde wusste offenbar genau, wo sie hinwollte. Die Herde weidet seit Jahren in dieser Gegend.
Kein Google Maps, kein Pilzführer, keine App. Stattdessen: Bio. Regional. Saisonal.
Lediglich bei der Lebensmittelsicherheit gibt es noch kleinere offene Fragen.
Denn Fliegenpilze enthalten tatsächlich psychoaktive Substanzen. Beim Menschen können sie Rauschzustände und schwere Vergiftungen auslösen. Was sie bei Schafen bewirken, ist dagegen kaum untersucht.
Vielleicht hilft der Pansen? Schließlich leben dort Milliarden Mikroorganismen, die manche Giftstoffe abbauen können. Ob das auch beim Fliegenpilz funktioniert, weiß man allerdings nicht.
Sieglinde schien das wenig zu beschäftigen. Ihr schien der Pilz zu schmecken, und sie hatte es eilig.
Futterneid? Fehlanzeige!
Fast noch erstaunlicher als Sieglindes ungewöhnlicher Speiseplan war die Reaktion ihrer Kollegen: nämlich keine.
Kein Gedrängel, kein Gerangel, kein Futterneid. Niemand machte ihr den Pilz streitig. Kein Talk mit Markus Lanz über Verteilungsgerechtigkeit.
Bei den Schafen dagegen schien die Devise zu gelten:
„Mach's dir, Sieglinde. Wir bleiben beim Heidekraut.“
Vielleicht haben die anderen den Pilz auch einfach nicht bemerkt. Vielleicht mögen sie keine Pilze.
Fünf Sekunden Beobachtung. Fünf Leadership-Learnings.
Ich bin von Beruf Team-Coach. Seit über zehn Jahren versuche ich, Menschen beim Schafehüten als Teambuilding dazu zu bringen, gemeinsam in eine Richtung zu gehen. Mit Kommunikation, Vertrauen, gemeinsamen Zielen und psychologischer Sicherheit.
Sieglinde braucht dafür offenbar nur einen Pilz.
Das trifft mich beruflich.
Natürlich begann ich sofort, über die wissenschaftlichen Hintergründe nachzudenken. Ist das Verhalten erlernt? Haben Schafe unterschiedliche Futtervorlieben? Warum streitet sich niemand um den Pilz? Und was genau passiert eigentlich in Sieglindes Pansen?
Ich habe sie ungefähr fünf Sekunden beobachtet. Das reicht natürlich nicht für eine wissenschaftliche Studie.
Aber für LinkedIn allemal.
Ich sah meinen Beitrag schon vor mir: Ein Foto von mir, nachdenklich in der Heide, mit verschränkten Armen. Darüber die Überschrift:
„Fünf Leadership-Learnings, die mein Leben verändert haben.“
Und was lernen wir daraus?
Sieglinde folgt offenbar einer eigenen Vorliebe, während die anderen Schafe ihren Interessen nachgehen. Niemand macht ihr den Pilz streitig. Trotzdem bleibt die Herde zusammen.
Ob dahinter unterschiedliche Futtervorlieben, Toleranz oder schlicht Zufall stecken, wissen wir nicht. Aber als Bild für gute Zusammenarbeit gefällt es mir.
Teamwork bedeutet nicht, dass alle dasselbe wollen müssen.
Vielleicht entsteht manche Konkurrenz erst dann, wenn wir anfangen, uns ständig miteinander zu vergleichen. Wer bekommt mehr? Wer wird bevorzugt? Warum hat Sieglinde schon wieder den besten Pilz?
Dabei könnte es so einfach sein:
„Du nimmst den Pilz. Ich nehme das Gras. Und wir ziehen gemeinsam weiter.“
Nicht jeder, der aus der Reihe tanzt, braucht gleich ein Mitarbeitergespräch. Manchmal braucht es einfach Freiraum, manchmal einen Perspektivwechsel.
Und manchmal ...
... hat jemand einen Fliegenpilz gefressen.
Bitte nicht nachmachen! 🍄
Fliegenpilze sind giftig. Dass Sieglinde unbeeindruckt weiterlief, bedeutet nicht, dass sie für Schafe ungefährlich sind.
Und für Bewusstseinserweiterung gibt es schließlich auch ganz normale Teambuilding-Seminare.

