TEAMWORK IN THE WILD #8: Ziemlich beste Feinde - außer beim Mittagessen.

Stell dir eine Prärie in Nordamerika vor.

Ein Dachs gräbt.

Und zwar nicht so ein bisschen.

Der Dachs ist fürs Graben gebaut. Der sieht Erde und denkt:

„Das muss weg.“

Neben ihm steht ein Kojote.

Der gräbt nicht.

Der schaut.

Das wirkt zunächst wie eine ziemlich unfaire Arbeitsteilung.

Einer steckt bis zum Hals im Dreck, der andere wartet draußen auf das Ergebnis.

Falls der Dachs irgendwann angefangen hat, über Betriebsräte nachzudenken: Man könnte es verstehen.

Aber tatsächlich machen die beiden das mit Absicht.

Denn Kojote und Amerikanischer Dachs jagen teilweise dieselbe Beute – zum Beispiel Erdhörnchen oder Präriehunde.

Eigentlich sind sie also Konkurrenten.

Gleiche Gegend.
Gleiches Essen.
Ähnliche Interessen.

Keine besonders vielversprechende Grundlage für eine Freundschaft.

Und trotzdem gehen sie manchmal gemeinsam auf die Jagd.

Der eine kann, was der andere nicht kann

Der Dachs hat einen entscheidenden Vorteil:

Er kann graben.

Sehr gut sogar.

Der Kojote dagegen ist schnell und wendig. Unter der Erde ist er allerdings ungefähr so nützlich wie ein Cabrio im Bergwerk.

Also teilen sie sich die Arbeit.

Der Dachs geht unter Tage.
Der Kojote bleibt oben.

Und jetzt wird es interessant.

Für den Kojoten ist der Vorteil ziemlich klar: Wenn der Dachs die Beute aus dem Bau scheucht, kann sie ihm direkt vor die Pfoten laufen.

Beim Dachs ist der Nutzen schwerer zu beobachten.

Er würde schließlich auch ohne Kojoten unterirdisch Beute machen.

Aber der Kojote verändert die Situation über der Erde.

Ein Erdhörnchen, das vor dem Dachs fliehen will, hat plötzlich ein Problem:

Oben wartet schon jemand.

Damit wird die Flucht nach draußen riskanter. Und genau das kann dem Dachs helfen, weil die Beute eher dort bleibt, wo er am stärksten ist:

unter der Erde.

Der Kojote übernimmt also nicht die Arbeit des Dachses.

Er macht nur einen wichtigen Fluchtweg unattraktiv.

Aus Sicht der Beute ist das ein ausgesprochen schlechtes Angebot:

Unten Dachs.
Oben Kojote.
Beschwerdestelle geschlossen.

Der Vorteil für den Kojoten lässt sich wissenschaftlich besser messen. Eine ältere Untersuchung fand einen um 34 Prozent höheren Beutefangerfolg, wenn Kojoten mit einem Dachs jagten.

Beim Dachs ist das schwieriger: Er verschwindet mit seiner Beute unter der Erde. Forscher beobachteten allerdings, dass Dachse bei gemeinsamer Jagd länger unterirdisch blieben. Neuere Untersuchungen zeigen außerdem, dass sie für die Zusammenarbeit offenbar sogar ihre üblichen Aktivitätszeiten verändern.

Und genau darin steckt für mich eine interessante Teamwork-Lektion:

Der Partner muss meine Arbeit nicht übernehmen. Manchmal reicht es, wenn er ein Problem dort löst, wo ich selbst nicht hinkomme.

Und dabei mögen die sich nicht einmal unbedingt

Der Kojote und der Dachs sind dadurch nicht plötzlich beste Freunde.

Sie gehen nach der Jagd nicht noch gemeinsam etwas trinken.

Der Dachs postet vermutlich auch keine Bilder mit:

„Great hunt with this amazing guy! So grateful for our journey together. ❤️“

Sie bleiben Konkurrenten.

Aber für einen bestimmten Moment haben sie verstanden:

Der andere kann etwas, was ich nicht kann.

Und plötzlich wird genau derjenige interessant, der mir sonst möglicherweise im Weg steht.

Zusammenarbeit beginnt nicht immer mit Sympathie

Wir tun manchmal so, als müsse gute Zusammenarbeit damit beginnen, dass Menschen sich mögen.

Muss sie nicht.

Natürlich hilft Sympathie.

Aber sie ist keine Voraussetzung.

Manchmal reicht eine wesentlich nüchternere Erkenntnis:

„Allein komme ich hier schlechter weiter.“

Vielleicht denke ich völlig anders als mein Kollege. Vielleicht nervt mich seine Art. Vielleicht würde ich freiwillig niemals drei Wochen mit ihm in Urlaub fahren.

Aber vielleicht kann er genau das, was mir fehlt.

Und dann verändert sich etwas.

Aus:

„Warum macht der das immer so?“

wird:

„Moment mal. Vielleicht brauche ich genau das.“

Beim Schafehüten passiert das erstaunlich oft

Auch bei unseren Schafehüten-Teambuildings treffen Menschen aufeinander, die völlig unterschiedlich an eine Aufgabe herangehen.

Der eine möchte sofort los.
Die andere möchte erst beobachten.
Der Nächste möchte noch einmal den Plan erklären.

Und während alle sehr professionell über den Plan sprechen, verlassen die Schafe gelegentlich sehr unprofessionell den Plan.

Sie gehen einfach.

Dann werden Rollen plötzlich interessant.

Vielleicht erkennt jemand früh, wohin die Herde kippt. Ein anderer kann die Gruppe gut koordinieren. Jemand bleibt ruhig, während andere hektisch werden.

Und plötzlich spielt es keine Rolle mehr, ob mir die Arbeitsweise des anderen gefällt.

Die wichtigere Frage lautet:

Hilft sie uns gerade weiter?

Die eigentliche Lektion von Kojote und Dachs

Ein gutes Team besteht nicht nur aus Menschen, die gut miteinander können.

Manchmal besteht es aus Menschen, die gut miteinander wirken.

Das ist ein Unterschied.

Der Dachs muss den Kojoten nicht mögen.

Der Kojote muss den Dachs nicht zum Mitarbeiter des Monats wählen.

Sie müssen nur für einen Moment erkennen:

Du kannst etwas, was ich nicht kann.
Ich kann etwas, was du nicht kannst.
Also versuchen wir es zusammen.

Vielleicht sollten wir in festgefahrenen Konflikten deshalb weniger fragen:

„Wer hat recht?“

Und häufiger:

„Was kann der andere, was uns gerade fehlt?“

Denn manchmal ist ausgerechnet derjenige, der uns am meisten nervt, der Mensch, den wir für den nächsten Schritt brauchen.

Oder, etwas weniger diplomatisch:

Verdammt. Der Idiot ist nützlich.

Und wenn selbst Kojote und Dachs damit klarkommen, besteht für manche Projektgruppe vielleicht doch noch Hoffnung.


TEAMWORK IN THE WILD – Was Tiere über Teams wissen.